Folge 206 – Glencadam: Ein kaltes Zuhause mit Apfelmus auf Leder

Endlich geht es mal wieder nach Schottland! Hendrik hat sich zur Feier des Tages hinter zwei Whisky-Geschenkdosen (die Christian mitgebracht hat) verschanzt und packt direkt eine Geschichtsstunde aus, die sich gewaschen hat. Heute sind wir zu Gast bei Glencadam. Ein cooler Name (der laut Hendriks wilder Übersetzungskette übrigens von “cold home”, also dem kalten Zuhause, abstammt), aber brennt die Destille auch ordentlich was ab?

Wir klären, warum ein findiger Kaufmann 1825 eine Brennerei gründet, nur um sie nach dem Bau der Infrastruktur direkt wieder zu verscherbeln. Das Ganze bringt uns zurück zum Excise Act von 1823 und der verzweifelten Eindämmung der Schwarzbrennerei. Außerdem feiert ein alter Bekannter sein Comeback: Charles Doig, der Erfinder der Pagodendächer. Und ja, wir reden von den markanten Abzügen auf der Brennerei, nicht von asiatischen Zierbauten in Nachbars Vorgarten. Wir staunen über eine Destille, die auch heute noch mit Zettel und Stift statt mit Großrechnern arbeitet, einen einfachen Erdboden zur Feuchtigkeitsregulierung im Lagerhaus nutzt und einst den Lieblingswhisky für König Edward VII. lieferte. Warum man den Namen hierzulande trotzdem kaum kennt, verrät der Blick in die jüngere, von Schließungen geprägte Geschichte.

Im Tasting-Teil wird es dann farbenfroh. Wir vergleichen zwei Small Batch Abfüllungen, die beide unkompliziert mit 46 Prozent und ohne Farbstoff oder Kühlfiltration auskommen. Der Kandidat aus der grünen Dose bringt uns dabei völlig neue sensorische Bilder in den Kopf. Denn mal ehrlich: Wer serviert schon ein frisches Stück Leder, das großzügig mit Apfelmus bestrichen wurde? Dazu gibt es ein Mundgefühl, das uns die Geschmacksknospen geradezu trockenlegt. Das Gegenstück aus der roten Dose erinnert optisch hingegen verdächtig an einen naturtrüben Kräutertee. Ob das Ganze geschmacklich abholt oder ob hier hauptsächlich der Alkohol das Kommando übernimmt, klären wir in dieser Folge.

Am Ende bewahrheitet sich wohl die wichtigste Regel im Straßenverkehr: Bei Grün sollst du trinken, bei Rot sollst du aufhören.

Heute im Glas

  • Glencadam Reserva de Porto Branco (White Port Cask Finish)
  • Glencadam Reserva de Porto Tawny (Tawny Port Cask Finish)
Whisky-Flasche

Glencadam Reserva de Porto Branco

Aroma
  • helle Trauben, Birne und ein Hauch Quitte
  • Honig, Vanille und feines Gebäck
  • florale Noten (Blüten, etwas Wiesenkräuter)
  • helle Steinfrucht (Pfirsich/Aprikose), eher zart
  • leichte Eiche, frisch und zurückhaltend
Geschmack
  • cremig-weich, mit Vanille und heller Süße
  • weißer Port bringt Traube/Most und einen fruchtigen Schimmer
  • Birne, Pfirsich, dazu eine Spur Zitruszeste
  • milde Gewürze (weißer Pfeffer, etwas Muskat)
  • zum Ende hin etwas nussig (Mandeln), ohne schwer zu wirken
Abgang
  • mittellang, sauber und fruchtbetont
  • helle Süße klingt nach (Honig/Vanille)
  • feine Trockenheit von der Eiche
  • leichte Würze bleibt auf der Zunge
  • am Schluss ein frischer, „heller“ Fruchtnachhall
Whisky-Flasche

Glencadam Reserva de Porto Tawny

Aroma
  • rote Beeren und dunklere Frucht (Kirsche, Pflaume)
  • Rosinen, Feigen und ein Hauch Datteln
  • nussig-warm (Walnuss, Haselnuss)
  • Karamell/Toffee, leicht sirupartig
  • würzige Eiche mit etwas Kakao
Geschmack
  • deutlich portiger: Trockenfrüchte, Pflaumenmus, Feige
  • karamellige Süße, dazu eine Spur dunkle Schokolade
  • nussige Noten (Walnuss) geben Tiefe
  • Gewürze werden präsenter (Zimt, etwas Nelke)
  • Eiche sorgt für Struktur und eine leichte Tannin-Kante
Abgang
  • eher lang und wärmend
  • Trockenfrüchte und Kakao bleiben am längsten
  • würzige Eiche, leicht trocknend
  • zum Ende hin etwas herber, mit nussigem Nachhall
  • eine dezente „weinige“ Note bleibt am Gaumen hängen

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Grab The Glass

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